Druckversion

 

Merkantilismus

 

Ein Kompendium von

Marie Luber

EUFH, HMC10, 28.5.2011

 

Einleitung

 

Merkantilismus ist der - nachträglich verliehene - Begriff für ein Spektrum verschiedener wirtschaftspolitischer Maßnahmen. Ihr Ziel es ist, durch rigide Eingriffe in das Wirtschaftsgeschehen die nationale Wirtschaft zu stärken, hohe Handelsüberschüsse zu erzielen und dadurch den staatlichen Reichtum, der sich in der Epoche des Merkantilismus insbesondere durch die Goldreserven ausdrückte, zu erhöhen. In seiner Hochzeit im 17. und 18. Jahrhundert war der Merkantilismus auch ein Mittel, um gegenüber konkurrierenden Nationen Vorteile zu erlangen.

 

Im Merkantilismus greift der Staat ähnlich wie auch später im Sozialismus durch Preiskontrollen, Wettbewerbsbeschränkungen und andere Aktionen sehr stark in das Wirtschaftsleben ein. Um sein primäres Ziel, nämlich Überschüsse im Außenhandel zu erreichen, förderte der Staat aktiv Exporte und erschwerte Importe durch Zölle. Vor allem der Wohlstand und die Machterweiterung eines Landes und der jeweiligen Fürsten sollten durch diese Maßnahmen erweitert werden. Diese Form der Wirtschaftslenkung beruhte nicht auf einer Theorie, sondern vielmehr aus der „Vielfalt von praktischen Rezepten und Empfehlungen“[1].

 

Begriff und Herkunft

 

Der Begriff Merkantilismus stammt aus dem lateinischem Begriff „mercari“ (Handel treiben) und aus dem französischem „mercantile“ (kaufmännisch). Es wurde erstmals von Adam Smith im Jahr 1776 in dem Buch „Wohlstand der Nationen – Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen“ veröffentlicht, das sich gegen den Merkantilismus richtete. Damit wurde das historische Ende des Merkantilismus begründet. Aus politischer Sicht war die Französische Revolution das Ende. Heute wird der Merkantilismus als eine Art Gegenstück zum Absolutismus gesehen.

 

Als Begründer und den Vertreter des Merkantilismus sieht man heute Jean-Baptiste Colbert aus Frankreich, auch wenn Colbert selbst den Begriff nicht kannte. Als Finanzminister unter Ludwig XIV. stärkte er Frankreichs Wirtschaft durch Steuererhöhungen für die Bauern, Errichtung von Zöllen, Förderung von Manufakturen und Monopolen und durch die Gewinnung von Kolonien. Er unterstützte die Grundzüge des Absolutismus und setzte sich stark dafür ein, dass der Wille des Königs befolgt und dessen Macht erweitert wurde.

Bild 1: Jean-Baptiste Colbert (1619 bis 1683) perfektionierte als Finanzminister unter dem französischen König Ludwig XIV den Merkantilismus

 

Entstehung

 

Anders als der Absolutismus, der am eindrucksvollsten von Thomas Hobbes (1588 bis 1679) im seinem Werk „Leviathan“ theoretisch begründet ist, fehlte dem Merkantilismus lange eine zu Grunde liegende Rechtfertigung, was sich am besten dadurch belegen lässt, dass erst Gegner wie Adam Smith den Begriff verwendeten. Frühe Vertreter einer strikten staatlichen Steuerung waren der Engländer Thomas Mun (1571 bis 1641), der als Grundlage für staatlichen Reichtum die schlichte Formel erdachte: „Jährlich an Ausländer mehr verkaufen, als wir von ihnen verbrauchen.“ Der Italiener Antonio Serra (1568 bis 1620) beschäftigte sich insbesondere mit der Frage, wie auch Nationen ohne eigene Gold- und Silbervorkommen zu Reichtum kommen könnten, vor allem in seiner Abhandlung: „Kurze Abhandlung über die Gründe, wie Staaten, in denen es keine Minen gibt, reichlich mit Gold und Silber versorgt werden können.“

 

Seine Perfektion erreichte der Merkantilismus zweifelsohne in Frankreich unter Ludwig XIV. und seinem Finanzminister Colbert, der seine Wirtschaftspolitik ganz dem Ziel unterordnete, Frankreich zur europäischen Vormacht zu gestalten. In England war vor allem die Navigation Acts, die nicht-englischen Schiffen unter anderem den Transport von Waren nach England untersagte, Ausfluss des Merkantilismus. In Spanien übernahm die Krone durch Monopole wie etwa  auf Tabak, Salz und Sklavenhandel weitgehend den Handel zwischen den Kolonien und dem Mutterland, schrieb die Handelswege und die anzulaufenden Häfen verbindlich vor, verbot den Außenhandel zwischen ihren Kolonien und anderen europäischen Mächten sowie den Anbau von Wein und Olivenöl. Im deutschen Reich vertraten Preußen und Österreich den Merkantilismus, jedoch unter dem Namen Kameralismus, wobei insbesondere in Preußen weniger die Förderung des Handels als vielmehr die Förderung der Landwirtschaft und das Wachstum der Bevölkerung im Mittelpunkt stand.

Bild 2: Der Französische König Ludwig XIV. besucht eine Manufaktur. Diese Vorläufer der industriellen Unternehmen waren ein zentraler Punkt des französischen Merkantilismus

 

Umsetzung

 

Durch verbesserte Seewege und Bildung von Monopolen kam es im Handel zu einem neuem Zeitalter. In den Monopolen entstanden sichere Absatzmärkte mit einem kontrollierbaren Reichtum, der gezielt ausgeschöpft werden konnte. Der Reichtum des jeweiligen Landes wurde an den Rohstoffen und Edelmetallen gemessen. Länder, die durch das eigene Land keine Rohstoffe hatten wie beispielsweise Goldminen, konnten ihren Gewinn nur durch den Handel eintreiben oder durch Ausbeutung der Kolonien erwerben.

 

Zur Erhöhung des Reichtums eines Landes durfte nur eine geringe Zahl von Fertigprodukten ins Inland importiert werden und Fertigwaren, die im Land hergestellt wurden, sollten vermehrt exportiert werden. Nur der Import von Vorprodukten, die für die eigene Produktion benötigt wurden, wurde bewilligt. Auch die Rohstoffe selber durften nicht exportiert werden, sondern nur importiert werden, da daran schließlich der Wohlstand gemessen wurde. Dies sollte die Wirtschaft im eigenen Land ankurbeln. Unterstützt wurde dies durch hohe Zölle und Weggebühren, welche die Exportmöglichkeiten erschwerten und dazu führte, dass das Geld im Inland investiert werden musste.

 

Generell sahen Merkantilisten Vorteile nur im Export. Fand sich kein Absatzmarkt für die exportierte Ware, dann wurde diese in den eigenen Kolonien zwanghaft abgesetzt. Zur günstigeren Massenherstellung wurden die Arbeiter und Bauern nur gering entlohnt und sollten zur selben Zeit noch mehr leisten. Kinderarbeit wurde vom Staat unterstützt und auch kirchliche Feiertage wurden abgeschafft. Dadurch konnte zu geringen Kosten produziert werden und die Waren für einen niedrigen Preis verkauft werden. Die Bevölkerungszahl begann zu dieser Zeit stark anzusteigen, da „das Ziel die Vermehrung der Bevölkerungszahl und die Intensivierung der Arbeitsleistung der vorhandenen Menschen war.“[2] Zur Umsetzung „wurden Auswanderungsverbote erlassen, ausländische Arbeitskräfte ins Land geholt und kinderreiche Familien unterstützt.“2

 

Eine weitere Kennzeichnung des Merkantilismus ist die Sichtweise, dass es nicht möglich ist, dass zwei Länder aus dem gegenseitigen Handel Profit oder einen Vorteil erzielen. Besonders in England galt Handel als „Nullsummenspiel“, das heißt, dass automatisch der eine das verlieren musste, was der andere durch den Handel dazugewinnt. Diese erklärt auch, warum Handelskriege wie die durch die Navigation Acts ausgelösten englisch-niederländischen Seekriege (insgesamt vier Kriege zwischen 1652 bis 1784) und der französisch-niederländische Krieg (1672 bis 1679)entstanden. Der Merkantilismus unterstützte dadurch stark die Entstehung des Imperialismus, denn jedes Land versuchte, Seemacht zu werden und möglichst viele Kolonien zu erwerben als Quelle von Rohstoffen und potenziell gesicherte Absatzmärkte. Auch durch den Aufbau von Monopolen wurde versucht, die ausländischen Mitbewerber auszuschließen.

 

Kritik

 

Genau das im vorherigen beschriebene Nullsummenspiel wird den Merkantilisten einer der Kritikpunkte vorgeworfen. Der Staat konnte sich keinen friedlichen Handel vorstellen und erst recht nicht, dass für beide Handelspartner ein Vorteil entstehen kann. Der Merkantilismus unterstützte damit die entstehende Gewalt und die daraus folgenden Kriegen.

Bild 3: Die englisch-niederländischer Seekriege entstanden aus den Navigation Acts, die es nicht-englischen Schiffen untersagte, Waren nach England zu transportieren

 

Einer der ersten Kritiker war David Hume (1711 bis 1776), der darlegte, dass es keine durchgehend positive Außenhandelsbilanz geben kann. Denn der Zufluss von Geld durch Handelsbilanzüberschüssen ist für den Wohlstand eines Landes auf lange Sicht durchaus nicht positiv, da durch die steigende Nachfrage in einem Land der Wert des zufließenden Geldes sinkt, es also zwangsläufig zu Inflation kommt (woran etwa die spanische Wirtschaft zu Grunde ging, wo die massiven Gold- und Silberzuflüsse aus Südamerika zu galoppierender Inflation führten.

 

Einer der prägnantesten Ökonomen, die sich gegen diese rigide Sichtweise wehrten, war der englische Börsenspekulant David Ricardo (1772 bis 1823). „Während sein Heimatland die eigene Wirtschaft mit Zollmauern schützte, propagierte er den freien Handel.“[3] Er begründete dies mit seinem Theorem der "komparativen Kostenvorteile". Zentrales Argument: „Der Warenaustausch zwischen zwei Ländern lohnt sich für beide selbst dann, wenn ein Land alle Güter günstiger herstellen kann als das andere.“ Ricardo zeigte seinen Landsleuten an Hand des englisch-portugiesischen Handels zum ersten Mal die Vorteile eines freien Handels auf.

 

Der bekannteste Kritiker des Merkantilismus war freilich der Namensgeber Adam Smith. Er kritisierte nicht Kolonien oder Manufakturen per se, sondern vielmehr, dass der Wohlstand eines Landes allein an der Menge der gehorteten Rohstoffe sprich des Goldes gemessen wurde. Dieser Besitz an sich nütze ja der Bevölkerung, also dem wahren Wealth of nations, wenig, solange etwa ein Mangel an Lebensmitteln herrscht. „Sie (die Regierungen, Anm. des Autors) entwarfen praktische Maßnahmen zur Erweiterung und Sicherung des Staatschutzes, anstatt sich um das Wohlbefinden der Einwohner zu kümmern.“[4]

So wie auf dem Binnenmarkt gilt auch im Außenhandel, dass sich der Markt selbst reguliert und nach einem Gleichgewicht strebt. Denn in einer wirtschaftlich freien Gesellschaft bzw. Weltordnung, in der der Staat nur Rahmenbedingen vorgibt, handelt jeder Mensch nach seinem persönlichen Glück und Wohlstand. Das durchaus egoistische Verhalten der Menschen führt ungewollt zu einer Steigerung des Gemeinnutzens.

 

Fazit

 

Der Merkantilismus in seiner Reinform ist sicherlich mit dem Ausklang des 18. Jahrhunderts verschwunden. Trotzdem existieren noch Spielarten und Ausprägungen weiter, die bekannteste ist sicherlich der Protektionismus. Mit ihm versuchen Staatsregierungen, ihre eigene Industrie oder auch nur Branchen gegen übermächtige ausländische Konkurrenz zu schützen, um heimische Unternehmen zu unterstützen und um so Arbeitsplätze zu erhalten. Man denke in diesem Zusammenhang nur an die – vergeblichen – Versuche europäischer Länder in den 80er Jahren, sich gegen japanische Elektronikimporte zu schützen, an den „Stahlkrieg“ zwischen der EU und den USA im Jahr 2002 oder die immer noch bestehenden Einfuhrzölle auf Kohleimporte nach Deutschland, um die letzten noch bestehenden heimischen Zechen zu schützen.

Hier zu schlichten versucht seit 1994 die Welthandelsorganisation WTO, die Nachfolgerin des 1947 gegründeten Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT). Diese Abkommen gehören zu den Maßnahmen, die mit Ende des 2. Weltkriegs ins Leben gerufen wurden, um den freien Welthandel zu fördern und um auf diese Weise kriegerischen Konflikten vorzubeugen, die eben auch aus Abschottung und egoistischen und nationalistischen Denken entstanden. Dies gelingt nicht immer, doch hat sich zumindest die Erkenntnis durchgesetzt, dass freier Handel eine Voraussetzung für das friedliche Miteinander der Völker ist.

 


[1] (Blaich 1988, S. 35)

[2]http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/finanzen/wirtschaft/index,page=1189440.html

[3] Die Zeit 23/1999

[4] Sascha Häusler, Merkantilismus und Liberalismus – Adam Smith, S. 10