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Wettbewerbsbegriff:

Wettbewerb ist ein dynamisches Ausleseverfahren, bei dem die Wettbewerber (z.B. Unternehmen) das gleiche Ziel verfolgen und außenstehende Dritte (z. B. Käufer) über den Erfolg oder Misserfolg der Zielerreichung der Wettbewerber entscheiden. Hierbei entsteht zwischen den Wettbewerbern eine Rivalität und ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis, welches auch parametrische Interdependenz genannt wird.

Auf die Wirtschaft bezogen, lässt sich Wettbewerb nun als ein Verhältnis wechselseitiger Abhängigkeit und Rivalität zwischen Marktteilnehmern verstehen.

Funktionen des Wettbewerbs:

Bei der Verfolgung seiner eigenen Ziele beeinträchtigt der Wettbewerber die Zielerreichung anderer Wettbewerber und zwingt sie dadurch zu vergleichbaren oder besseren Leistungen. Durch die Einführung eines neuen innovativen Produkts werden somit der Umsatz und der Gewinn bei seinem Konkurrenten gesenkt, dies führt zu erheblichen Einbußen. Die Konkurrenten sehen sich nun gezwungen neue Maßnahmen zu ergreifen (z.B. Preissenkung oder die Verbesserung der Produktqualität) um auf den Konkurrenten zurückzuwirken und zu verhindern, dass dieser sich auf seiner Leistung ausruhen kann.

Wettbewerb sichert somit grundlegende ökonomische Funktionen, welche in drei verschiedene Kategorien aufgeteilt werden: in klassisch- politische, statische und dynamische Wettbewerbsfunktionen. Wettbewerb zwingt Unternehmen,

  • solche Güter zu produzieren, die die Bedürfnisse der Konsumenten befriedigen (Steuerungsfunktion; statisch);
  • Produktionsfaktoren nachfrage- und kostengerecht einzusetzen (Allokationsfunktion; statisch);
  • ständig nach kostengünstigeren Verfahrens- und Produkterneuerungen suchen und für ihre Verbreitung sorgen (Innovations- und Diffusionsfunktion; dynamisch);
  • „auf Änderungen der Nachfrage- oder Angebotsbedingungen (z.B. Verknappung von Rohstoffen) rasch und flexibel durch Umstellung ihrer Produktionsverfahren bzw. ihrer Produktion zu reagieren (Strukturanpassungsfunktion).“ (May: Handbuch zur ökonomischen Bildung, 1993, S.318) (dynamisch)
  • Wettbewerb soll eine leistungsgerechte Einkommensverteilungen gewährleisten (Einkommensverteilungsfunktion; statisch) ;
  • und schließlich für die Begrenzung und Kontrolle wirtschaftlicher Machtpositionen sorgen. Wettbewerb ermöglicht also temporäre Monopole, baut diese aber auch wieder ab. (Kontrollfunktion; klassisch- politisch)

Der Wettbewerb erfüllt auch neben den gerade erwähnten ökonomischen Funktionen eine bedeutende gesellschaftspolitische Aufgabe.

Er eröffnet Freiheitsspielräume für alle Teilnehmer des Marktes (Freiheitsfunktion): Jedes Wirtschaftssubjekt kann nach eigenen Zielsetzungen planen (Freiheit der Unternehmertätigkeit). Das große Angebot der rivalisierenden Hersteller ermöglicht den Verbrauchern eine große Auswahl und Handlungsfreiheit (Freiheit der Konsumwahl). Die Existenz von vielen unabhängig voneinander planender Unternehmen, gibt den Arbeitnehmern die Chance zwischen Arbeitsplätzen zu wählen und auf unterschiedliche Arbeitsbedingungen zu reagieren (Freiheit der Arbeitsplatzwahl). Diese Wettbewerbsfreiheit ist somit ein wichtiges Element einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung.

Übersicht: Gesellschaftliche Grundwerte, wirtschaftspolitische Ziele & Wettbewerbsfunktionen

Funktionen des WettbewerbsAbbildung: Funktionen des Wettbewerbs (Quelle: siehe Link unten)

Wettbewerb als dynamischer Prozess:

Wettbewerb beschreibt einen Prozess aus Vorstoß und Reaktion. Durch eine absatzpolitische Maßnahme (neues Produkt, Preissenkung, Werbeaktion) will sich ein Unternehmer einen Vorteil am Markt verschaffen (Vorstoß). Hat das Unternehmen durch diese Maßnahme Erfolg, so steigt die Kundenanzahl und konkurrierende Anbieter verlieren an Umsatz. Dies zwingt sie, ihrerseits Produkte günstiger und mit höherer Qualität anzubieten, neue Vertriebswege zu erschließen und oder attraktivere Werbung zu gestalten (Reaktion). Diese Reaktionen können zum Vorstoß werden und  setzten somit den Wettbewerbsprozess wieder in Gang.

Es gibt drei Voraussetzungen für den wettbewerblichen Vorstoß:

1.     Den Willen zum Wettbewerb (spirit of competition);

2.     Ausreichend Freiraum für wettbewerbliche Handlungen;

3.     Anreiz, das hohe Risiko des wettbewerblichen Vorstoßes zu übernehmen.

Spirit of competition ist nicht selbstverständlich, da die Risikoscheue bei vielen Menschen überwiegt. Im Allgemeinen kann aber davon ausgegangen werden, dass sich immer wieder Pionierunternehmen finden werden, die einen wettbewerblichen Vorstoß unternehmen.

Ein vorstoßender Wettbewerb erfordert Entscheidungs- und Handlungsalternativen der Marktteilnehmer: Die Nachfrager müssen auf substitutive  Güter von anderen Produzenten ausweichen können, die Anbieter müssen mit ihren Leistungen den Bedürfnissen der Konsumenten entsprechen. Für den Wettbewerb ist daher eine große Anzahl von Anbieter und Nachfragern auf dem Markt wichtig.

Eine weitere Voraussetzung für den wettbewerblichen Vorstoß ist, dass eine Chance bestehen muss um wenigstens zeitweilig tatsächliche Vorteile zu erlangen. Der Erfolg von absatzpolitischen Maßnahmen ist ungewiss und deshalb auch mit einem hohen Verlustrisiko verbunden. Würden die Konkurrenten nun mit einer Reaktion kontern, so würden die etwaigen Gewinne wieder erodiert. Unter diesen Umständen würde der Wettbewerbsvorstoß wahrscheinlich gar nicht erst unternommen. Somit sind prozessuale Leistungsmonopole (Entstehung einer kreativen Unternehmensleistung z.B. durch eine Produktneuschöpfung)  eine weitere Voraussetzung des Wettbewerbs.

Dieses prozessuale Leistungsmonopol wird durch nachfolgenden Wettbewerb wieder abgebaut. Die hohen Extragewinne des wettbewerbsaktiven Unternehmens veranlassen Konkurrenten zu reagieren (Reaktion), aber auch Anbieter die bisher nicht auf diesem Markt präsent waren, wollen nun in diesen lukrativen Markt eintreten. Diese Reaktionen führen nun  zu einer tendenziellen Preissenkung  und zu einer Verbreitung der Innovation (Diffusionsprozess). Damit ist ein Abbau der anfänglichen Extragewinne verbunden (Einkommensverteilungsfunktion). Bei der Einführung und Verbreitung der LCD- Technik in der Unterhaltungselektronik, können wir einen solchen Innovations- und Diffusionsprozess beobachten. Hierbei wird die Machtposition des prozessualen Leistungsmonopols durch den nachfolgenden Wettbewerb der Konkurrenten und der potentiellen Konkurrenten begrenzt. Der Wettbewerb der Nachahmer hat die Marktmacht abgebaut, da die Kunden nun viele Alternativen haben. Die Furcht vor potentiellen Anbietern kann einen Monopolisten dazu veranlassen, sich in der Preispolitik wie im Wettbewerb zu verhalten (Machtkontrollfunktion des Wettbewerbs).

Nicht nur der spirit of competition spielt im Wettbewerbsprozess eine wichtige Rolle, sondern auch die propensity to monopolize. Das erfolgreiche Unternehmen ist bestrebt sein prozessuales Leistungsmonopol im Wettbewerb dauerhaft zu behalten. Die unterlegenden Unternehmen versuchen sich dem Wettbewerbsdruck durch andere wettbewerbsbeschränkenden Maßnahmen oder durch Absprachen, die die Handlungsmöglichkeiten Dritter einschränken zu entziehen. Es kann auch vorkommen, dass sie nach dem Schutz des Staates vor unfairem Wettbewerb ausländischer Konkurrenten fordern, oder auf die Gefährdung von Arbeitsplätzen in strukturschwachen Regionen hinweisen.

Der Markt wird monopolisiert, wenn es dem vorstoßenden Unternehmen gelingt eine marktbeherrschende Stellung zu erringen, seine Konkurrenten aufzukaufen oder den Marktzugang dauerhaft zu erschweren (Unternehmenskonzentration). Dies gilt auch, wenn bisherige Konkurrenten ihre Einkaufspolitik gegenüber Lieferanten oder ihre Verkaufspolitik gegenüber Kunden absprechen. Hierbei entsteht eine nicht zulässige Kartellbildung. Eine wichtige Aufgabe der Wettbewerbspolitik ist daher, eine Rahmenordnung für den Wettbewerb festzusetzen und der Staat hat wettbewerbsbeschränkende Eingriffe zu unterlassen.

Das wettbewerbspolitische Konzept der workable competition:

Wettbewerb ist in seinen ökonomischen Funktionen somit ein Instrument zur Erreichung der Wohlstandsziele. Davon abhängig wie weit diese Ziele erreicht werden, wird die Funktionsfähigkeit des Wettbewerbs beurteilt. Wettbewerb gilt nach Katzenbach (1981) als „workable“, wenn er zu befriedigenden Marktergebnissen führt. Bei diesem Ansatz liegt die Vorstellung zu Grunde, dass die Marktstruktur das Marktverhalten und das Marktergebnis bestimmt bzw. beeinflusst, es müssen also marktstrukturelle Bedingungen für workable competition geschaffen werden.

In der Auseinandersetzung mit dem preistheoretischen Modell der vollständigen Konkurrenz (insbesondere durch Leon Walras 1834-1910 und Alfred Marshall 1842-1924 begründet), entstand das Konzept der workable competition. Dieses Konzept betont insbesondere die dynamischen Funktionen des Wettbewerbs (siehe Funktionen des Wettbewerbs). Märkte durchlaufen Entwicklungsphasen: Sie expandieren oder sie schrumpfen. Aber auch auf vorübergehenden stagnierenden Märkten vollziehen sich Marktprozesse.

„ Bei einem solchen Wettbewerbskonzept kann die Zu- oder Abnahme der Zahl der Wettbewerber nicht ohne weiteres als Zu- oder Abnahme des Wettbewerbs interpretiert werden.“ (Ulrich Baßeler, Jürgen Heinrich, Burkhard Utecht, 2002; S.193) Kommt es z.B. zu einem Zusammenschluss zweier Unternehmen auf dem Markt, so können diese Unternehmen eine Marktstärke erlangen, die ihnen hilft mit anderen Unternehmen auf dem Markt in Wettbewerb zu treten um den Wettbewerb in Gang zu bringen. Demnach beschränken Unternehmenszusammenschlüsse oder auch eine Abnahme der Marktübersicht, die dem einzelnen Anbieter durch die unvollständige Markttransparenz seiner Konkurrenten zu Preissenkungen verhelfen, den Wettbewerb nicht.

Auch oligopolistische Märkte (Marktform bei der viele Nachfrager wenigen Anbietern gegenüberstehen), die für Deutschland typisch sind, sind mit diesem Ansatz vereinbar. Allerdings nur wenn zwischen den verbleibenden Marktparteien tatsächlich Wettbewerb herrscht. In der Regel wird angenommen, dass die Märkte, die einen hohen Konzentrationsgrad haben, keine günstigen Wettbewerbsbedingungen bieten. Auf Märkten die weder eine sehr hohe, noch eine sehr niedrige Wettbewerbsintensität aufweisen, sondern die sogenannte optimale Wettbewerbsintensität, werden günstige Wettbewerbsvoraussetzungen erwartet.

Nach Katzenbach wird die optimale Wettbewerbsintensität zu vermuten sein bei

  • weiten Oligopolen, bei denen die Abhängigkeit der Konkurrenten, aufgrund der Vielzahl, nicht so groß ist, dass wettbewerbliche Aktionen entfallen, aber auch nicht so klein, dass Reaktionen ausbleiben und
  • bei mäßiger Unterschiedlichkeit der Produkte (mäßige Produktdifferenzierung).

Auch wenn dieses Konzept der optimalen Wettbewerbsintensität zu stringent ist, da ein funktionsfähiger Wettbewerb nicht unbedingt an bestimmte Strukturmerkmale gebunden ist,  so ist dies eine gute Grundlage für die grobe Evaluierung der Wettbewerbsbedingungen.

Das wettbewerbspolitische Konzept der Wettbewerbsfreiheit:

Andere Theoretiker betonen jedoch die Freiheitsfunktion des Wettbewerbs. In Deutschland vor  allem unter dem Begriff der neuen klassischen Wettbewerbsfreiheit vertreten von Friedrich August von Hayek und Erich Hoppmann. In den USA ist es als Konzept der „Chicago School“ bekannt, setzt auf die Offenheit des Wettbewerbs und auf die wettbewerblichen Wirkungen eines freien Marktzutritts. Es kommt dagegen weniger auf die Marktstrukturen und Unternehmenskonzentrationen (Bsp.: workable competition) an. Es ist also wichtig, dass wirksamer Wettbewerb nur dann erhalten bleibt, wenn die Möglichkeit des Marktzutritts für neue Anbieter besteht. Der freie Marktzutritt spielt somit eine sehr wichtige Rolle für den Wettbewerb.

 

Wer weiteres zu den Leitbildern und Konzeptionen der Wettbewerbspolitik lesen möchte, kann sich gerne diese Links anschauen:

http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/wettbewerbstheorie.html

http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/wettbewerbspolitische-leitbilder.html

 

Quellen: 

Baßeler Ulrich, Heinrich Jürgen, Utecht Burkhard (2002): Grundlagen und Probleme der Volkswirtschaft

Borchert M., Grossekettler H. (1985): Preis- und Wettbewerbstheorie

May (1993): Handbuch zur ökonomischen Bildung

Temmen,Seidel (1995):Grundlagen der Volkswirtschaftslehre

Dr. Woll, Artur (1990): Allgemeine Volkswirtschaftslehre

 

http://books.google.de/books?id=BC3Nzbja0pcC&pg=PA105&lpg=PA105&dq=prozessuale+leistungs+monopole&source=bl&ots=6zGXH4cRSJ&sig=sRVfCL4jHLY7PsoxJBcF9x-xP9Q&hl=de&ei=vgLVTdr8KYWZOqCn6IQM&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=3&ved=0CCUQ6AEwAg#v=onepage&q&f=false , zugegriffen am 23.05.2011