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Industrielle Revolution – Industrial Revolution

 

Der Begriff 'Industrielle Revolution' wurde von dem Philosophen Friedrich Engels geprägt und bedeutet "Umwälzung der Arbeitswelt und der Gesellschaft durch verbreitete Anwendung von Maschinen, die menschliche und tierische Kräfte in großem Ausmaß ersetzen (z.B. Dampfmaschine, später Verbrennungs- und Elektromotor)."[1] Sie begann in England, dem Mutterland der Industrie, und weitete sich in den nachfolgenden Jahrzehnten nach Kontinentaleuropa und den USA aus. Der Anfang lag in der zweiten Hälfte des 18 Jahrhunderts.  "Die industrielle Revolution führte zu einer sehr starken beschleunigten Entwicklung von Technologie, Produktivität und Wissenschaften, … [2]

 

England

Es gibt eine Vielzahl von Gründen dafür, dass gerade England der Ausgangspunkt der industriellen Revolution war.

Vor Beginn der industriellen Revolution hatte das Land eine viele Jahrzehnte dauernde Friedensperiode erlebt. In dieser Zeit war die Landwirtschaft sehr ertragreich geworden. Die Düngung der Felder hatte sich entwickelt, dazu kam die Erkenntnis, dass ein jährlicher Wechsel des Pflanzenanbaus auf den Feldern (Wechselwirtschaft) sinnvoll war. Schließlich hatte man neue Geräte zum Anbau entwickelt.[3] Kleinbauern, die sich nicht mehr behaupten konnten, waren gezwungen in den Städten nach Arbeit zu suchen. Es entstand eine soziale Mobilität, ein Arbeitskräftereservoir war vorhanden.

Politisch gesehen war die Mitbestimmung des Bürgertums sehr bedeutsam, die feudalen Strukturen waren geschwächt, die Macht der Monarchie eingeschränkt. Die Möglichkeit auf politische Entscheidungen Einfluss zu nehmen, hatten sich die Bürger in der 'Glorious Revolution' (1689) erkämpft.[4] Die starre Ständegesellschaft früherer Jahrhunderte war in Bewegung geraten. Unternehmer, Händler und Bankiers kamen sowohl aus dem Bürgertum als auch aus dem Adel.

Damit der Handel sich entwickeln konnte, war ein ausgeprägtes Transportwesen nötig. Die vergleichsweise guten Straßen- und Wasserwege, sowie Englands Rolle als führende Seemacht war hier sehr hilfreich.

Notwendig war auch ein entsprechend großer Absatzmarkt, der nicht durch Binnenzölle behindert wurde. Auch dies war in England der Fall, insbesondere da dieser Markt durch die Vereinigung mit Schottland zum Vereinigten Königreich (1707) vergrößert worden war. Großbritannien war ein einheitliches Staats- und Zollgebiet.

Voraussetzung für industrielle Produktion war das Vorhandensein der benötigten Rohstoffe. Auch in dieser Beziehung war England begünstigt. Das Land verfügte über reichhaltige Kohle- und Eisenvorkommen, durch seine Kolonien und seine Flotte waren alle weiteren benötigten Rohstoffe günstig verfügbar.

Der Bildungsstand der Bewohner war vergleichsweise hoch. Die Zahl der Menschen, die lesen und schreiben konnten, übertraf die der anderen europäischen Staaten.

Erfindungen trugen maßgeblich zu einer Veränderung des Arbeitsprozesses bei. Dazu zählten ganz wesentlich die (Weiter-)Entwicklung der Dampfmaschine durch James Watt (1765), die Spinnmaschine (1769), die Herstellung von Stahl (1784), der mechanische Webstuhl (1786), sowie die Entwicklung von Lokomotiven.[5]

Das  Prinzip der freien Marktwirtschaft war in Ansätzen zu erkennen. Der schottische Philosoph Adam Smith behauptete in seinem Buch 'Der Reichtum der Nationen' (1776), dass es allen zugute kommt, wenn jeder Einzelne nach Wohlstand strebt.

All die genannten Faktoren beeinflussten sich gegenseitig, was sich positiv auf die Industrialisierung auswirkte. So wurde die Kohleförderung durch die Dampfmaschine verbessert, was wiederum die Eisenindustrie ankurbelte. Diese Prozesse waren die Grundlagen für den Bau der Eisenbahn, die die Transportmöglichkeiten sehr verbesserte und verbilligte.

 


Deutschland

In Deutschland waren die Voraussetzungen für die industrielle Revolution vergleichsweise schlecht. Es hatte keine lange Friedensperiode erlebt, die Infrastruktur war schlecht ausgebaut, überseeische Kolonien gab es (noch) nicht. Die Entwicklung der Unternehmen wurde durch strenge Gewerbevorschriften und Handelsmonopole gebremst. Hinzu kam, dass Deutschland (bis 1871 Gründung des Deutschen Reichs) in viele Kleinstaaten (314 territoriale Einheiten)[6] zersplittert war, die sich bezüglich Maßen, Gewichte, Währungen und Religion unterschieden. Bei der Ein- oder Ausfuhr von Waren musste an jeder der zahlreichen Grenze Zölle gezahlt werden. Die feudalen Strukturen der Staaten waren noch ausgeprägt, die Mobilität der Bevölkerung war stark eingeschränkt. Das führte zu einem verspäteten Einsetzen der Industrialisierung.

Motor der Reformen, die zur Industrialisierung führten, war Preußen. Es wurden Gesetze zur Bauernbefreiung (1807) und zur Gewerbefreiheit (1810) verabschiedet. Die Währungen wurden vereinheitlicht (Münzgesetz 1821), der Import von Waren und Rohstoffen wurde erleichtert. 1834 wurde der Deutsche Zollverein gegründet.[7] "Ziel des Zollvereins war die Schaffung eines wirtschaftlichen Binnenmarkts und die Vereinheitlichung fiskalisch-ökonomischer Rahmenbedingungen." [8]

Preußen bemühte  sich auch um eine Verbesserung der Infrastruktur und seiner Wettbewerbsfähigkeit. Zwischen 1816 und 1852 wurde das Straßennetz von 3261 auf 18550 Kilometer ausgeweitet. Der Duisburger Binnenhafen wurde ausgebaut.[9] Techniker aus England wurden angeworben und die Regierung betrieb Industriespionage.

 

 Industrielle Revolution

 

Die Abbildung zeigt den Vorsprung Großbritanniens in Europa bei der Steinkohleförderung und der Eisenproduktion, es ist auch die Bedeutung Preußens und des Ruhrgebiets innerhalb Deutschlands ablesbar.[10]

 

 

"Erst seit den 1840er Jahren trat Deutschland in die Phase der Industriellen Revolution ein, die bis 1873 andauerte …"[11] Die Auswirkungen waren in den verschiedenen Wirtschaftszweigen sehr unterschiedlich. Die Produktion der Baumwollwebereien stieg zwischen 1835 bis 1870 um mehr als 500%, die Roheisenerzeugung um  nahezu 900%, die Braunkohleerzeugung um etwa 950% und die Eisenerzförderung um 1.242%.[12] Es setzte ein stürmischer Eisenbahnbau ein, der zum entscheidenden Antrieb der Industrialisierung wurde. Nach 1838 wuchs das deutsche Streckennetz innerhalb von 20 Jahren von 240 auf etwa 12.000 Kilometer. Dadurch wurden Absatzgebiete erschlossen, Standortnachteile ausgeglichen. Deutschland wurde zur Drehscheibe des Warenverkehrs und der Eisen- und Maschinenindustrie sowie dem Bergbau wurde so zum Durchbruch verholfen. "Besonders eindrucksvoll war die Entwicklung der Kruppschen Gusstahlfabrik. 1822 gegründet, beschäftigte sie im Jahre 1835 nur 67 Personen, 1873 dagegen knapp 12.000."[13]

Die rasante Entwicklung spiegelt sich auch in der Größe des Sozialprodukts wieder. Zwischen 1850 und 1913  steigerte die Landwirtschaft  ihre Wertschöpfung um 250%, die "Wertschöpfung des sekundären Sektors (Bergbau, Industrie, Handwerk) dagegen erhöhte sich im gleichen Zeitraum um 1.116%, die des tertiären Sektors  (Handel, Verkehr, Banken und andere Dienstleistungen) um 500%."[14]

Die Industrialisierung hatte allerdings auch große negative Begleiterscheinungen, die oft mit dem Begriff 'Pauperismus' oder 'soziale Frage' beschrieben werden. So verlief parallel zum wirtschaftlichen Wachstum ein enormes Bevölkerungswachstum. Ursachen hierfür waren diåe landwirtschaftliche Produktionssteigerung, medizinische Fortschritte und eine verbesserte Hygiene für Teile der Bevölkerung.[15] Das Anwachsen der Bevölkerung führte zur Urbanisierung, die Menschen zogen in die industriellen Ballungszentren, wo sie häufig in der Industrie arbeiteten. So "stieg der Anteil der Lohnarbeiter an der Erwerbsbevölkerung von einem Viertel 1849 auf zwei Drittel 1885 und drei Viertel 1907."[16]

 

 

Bevölkerung im deutschen Reich von 1780 - 1900[17]

 

Jahr

in Mio.

Menschen /km2

1780

21,0

38

1800

23,0

43

1820

26,1

47

1850

35,5

64

1875

42,5

77

1900

56,0

102

 

 

Das Leben in der Stadt, die Arbeit in den Fabriken hatte großen Einfluss auf das Leben der Menschen. Ihr Arbeitstempo wurde von der Maschine bestimmt, sie wurden kontrolliert. "Gewinnstreben und Wettbewerb, aber auch das Überangebot an Arbeitskräften hielten den Lohn der Fabrikarbeiter niedrig."[18] Frauen und Kinder mussten mitarbeiten - häufig 12 bis 16 Stunden an sechs Tagen der Woche -, weil das Einkommen des Familienvaters nicht ausreichte. "1846 arbeiteten 30.000 Kinder in den Fabriken Preußens, was 6,5% der gesamten preußischen Arbeitskraft ausmachte."[19] Wohnungen waren knapp, teuer und meist in schlechtem Zustand. Häufig teilten sich mehrere Menschen ein Zimmer.

Die materielle Not und die schlechte rechtliche Lage der Arbeiter wurden zu einem brennenden Problem der Gesellschaft, das man heute als 'soziale Frage' bezeichnet. Verschiedene Gruppen bemühten sich um eine Lösung. Krupp als Arbeitgeber führte 1858 eine Kranken- und Arbeiterpensionskasse ein. Sie zahlte überdurchschnittliche Löhne, baute Werkswohnungen und gab den Kruppianern die Gelegenheit, preisgünstige Kleidung und Lebensmittel zu kaufen. Allerdings wurde den Arbeitern verboten, gewerkschaftlichen oder sozialdemokratischen Organisationen beizutreten.[20]

Die Amtskirchen kümmerten sich nicht um das Problem. Einige Geistliche jedoch - Johann Wichern und Adolpf Kolping - begründeten die moderne kirchliche Sozialarbeit und kümmerten sich um die Arbeitsstellen und die Wohnquartiere des Proletariats.

Die Arbeiter versuchten allerdings auch selber, die Bedingungen unter denen sie lebten zu beeinflussen oder zu verändern. Eine Alternative schien der Sozialismus darzustellen, wie er von Marx und Engels entworfen wurde. Auf diesem Gedankengut aufbauend formierte sich nach der Revolution von 1848 die Arbeiterbewegung, die als Vorläufer der heutigen 'SPD' gesehen werden kann. Mit Arbeiterbewegung ist "der Zusammenschluss von Handwerkern und Lohnarbeitern in Arbeitervereinen, Gewerkschaften, Parteien zur Verbesserung ihrer sozialen Lage und Erkämpfung politischer Rechte" gemeint.[21]   

 Die Staaten (ab 1871 das Deutsche Reich) verhielten sich anfangs der sozialen Frage gegenüber passiv (Nachtwächterstaat). Sie wollten nicht in Wirtschaftsprozesse eingreifen, sondern meinten, nur den Ordnungsrahmen bereitstellen zu müssen. Das änderte sich mit Bismarcks Sozialgesetzgebung (1881 – 1889), die zum Vorbild des modernen Sozialstaats wurde. Sie umfasste eine Kranken-, eine Unfall-, eine Alters- und Invalidenversicherung, deren Kosten zwischen Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Staat geteilt wurden.[22]

Man geht davon aus, dass der Prozess der industriellen Revolution mit dem Beginn des ersten Weltkriegs (1914) abgeschlossen war.

 

Bücher

 

Bender, Daniel et al. (Hg.) (2006), Geschichte und Geschehen, Stuttgart Leipzig

 

Berg, Rudolf et al. (Hg.) (2000), Kursbuch Geschichte, Berlin

 

Brückner, Dieter / Focke, Harald (Hg.) (2009), Das waren Zeiten 2, Bamberg

 

Sauer Michael (Hg.) (2009), Geschichte und Geschehen, Stuttgart  Leipzig

 

 

 

 

Internetseiten

 

Arbeiterbewegung

http://de.wikipedia.org/wiki/Arbeiterbewegung (letzter Zugriff 29.05.2011)

 

Deutscher Zollverein

http://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Zollverein (letzter Zugriff: 29.05.2011)

 

Industrielle Revolution

http://de.wikipedia.org/wiki/Industrielle_Revolution (letzter Zugriff: 29.05.2011)

 

Simone Frai und Philip Grinsted.(2007) Industrialisierung - Klarheit im Zahlendschungel

http://www.dreieichschule.de/geschichte/2007/industrialisierung/index_n.asp (letzter Zugriff 29.05.2011)

 

(1988): Taschenhandbuch zur Geschichte.

http://www.awb.tu-berlin.de/lv/neue-af/industrie/definition/Industrielle_Revolution/Definitionen_Inhalt.html  (letzter Zugriff: 29.05.2011)

 

 


[1]Taschenhandbuch zur Geschichte, Verlag Ferdinand Schöningh; 1988 nach
http://www.awb.tu-berlin.de/lv/neue-af/industrie/definition/Industrielle_Revolution/Definitionen_Inhalt.html; 29.05.2011

[2] http://www.de.wikipedia.org/wiki/Industrielle_Revolution; 29.05.2011

[3] vgl. Sauer Michael (Hg.) (2009), Geschichte und Geschehen, Stuttgart Leipzig, S. 198

[4] vgl. Brückner, Dieter / Focke, Harald (Hg.) (2009), Das waren Zeiten 2, Bamberg, S. 164

[5] vgl. Bender, Daniel et al. (Hg.) (2006), Geschichte und Geschehen, Stuttgart Leipzig, S. 96

[6] vgl. Bender, Daniel et al. (Hg.) (2006), Geschichte und Geschehen, Stuttgart Leipzig, S. 103

[7] vgl. Berg, Rudolf et al. (Hg.) (2000), Kursbuch Geschichte, Berlin, S. 144

[8] http://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Zollverein

[9] vgl. Brückner, Dieter / Focke, Harald (Hg.) (2009), Das waren Zeiten 2, Bamberg, S. 167

[10] http://www.dreieichschule.de/geschichte/2007/industrialisierung/index_n.asp

[11] Berg, Rudolf et al. (Hg.) (2000), Kursbuch Geschichte, Berlin, S. 144

[12] vgl. Berg, Rudolf et al. (Hg.) (2000), Kursbuch Geschichte, Berlin, S. 144

[13] Berg, Rudolf et al. (Hg.) (2000), Kursbuch Geschichte, Berlin, S. 144

[14] Berg, Rudolf et al. (Hg.) (2000), Kursbuch Geschichte, Berlin, S. 145

[15] vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Industrielle_Revolution#Bev.C3.B6lkerungswachstum_in_gewandelter_Umwelt

[16] Berg, Rudolf et al. (Hg.) (2000), Kursbuch Geschichte, Berlin, S. 160

[17]Henning, Friedrich-Wilhelm (Hg.) (1996), Handbuch der Wirtschafts- und Sozialgeschichte Deutschlands, Bd. 2, Paderborn, S. 772

[18] Brückner, Dieter / Focke, Harald (Hg.) (2009), Das waren Zeiten 2, Bamberg, S. 179

[19] Bender, Daniel et al. (Hg.) (2006), Geschichte und Geschehen, Stuttgart Leipzig, S. 128

[20] vgl. Bender, Daniel et al. (Hg.) (2006), Geschichte und Geschehen, Stuttgart Leipzig, S. 137

[21] http://de.wikipedia.org/wiki/Arbeiterbewegung

[22] vgl. Berg, Rudolf et al. (Hg.) (2000), Kursbuch Geschichte, Berlin